Bei Anruf Wurst

Ein 23-Jähriger tuckert mit Boot und Grill über die Havel und verkauft seine River Snacks


Von: Sabine Deckwerth

Am liebsten denkt sich Alexander Käppler etwas aus. Dann wirft er irgendwo an der Havel die Angel aus, legt sich ins Gras und träumt davon, einmal etwas ganz Großes zu erfinden. Irgend etwas, das es einfach noch nicht gibt. Dabei hat der 23-Jährige gerade etwas erfunden. Den River Snack. Seit dem 1. Mai ist er jeden Tag mit seinem Boot zwischen Spandau und dem Wannsee unterwegs - als eine Art schippernder Imbissverkäufer. Zugegeben, die Idee ist nicht ganz neu. Tausende haben wohl schon über so einen Service nachgedacht, während sie an Berlins Stränden in der Sonne schmorten. Aber Käppler hat als erster seine Idee umgesetzt.

Sein River-Snack-Boot ist eigentlich ein Tretboot. Die beiden Kufen verbindet ein Brett, 2,50 Meter breit, 6,50 Meter lang, über alles ist eine Plane gespannt, ein 25-PS-Motor treibt das Boot an. Sonnenblumen aus dem Asia-Laden hat Käppler an die Seiten gesteckt, Blumengirlanden wippen unter dem Dach, eine Palme aus künstlichem Grün steht neben der Spüle. Die beiden Kühltruhen sind selbst gebaut. Eine ist für die Getränke, für viele Flaschen Cola, Fanta, Bier, wenige Flaschen Prosecco, eine Flasche Champagner. In der anderen Box kühlen Wassermelonen. Im Kühlschrank liegen Bratwürste und Steaks, die er auf dem Boot grillt und dann mit Schrippe, Senf und Salatblatt als Strandwurst für 1,60 Euro oder als Bootssteak für 2,50 Euro verkauft.

Am frühen Nachmittag fährt Käppler los, erst zu den Yachten im Pichelssee, dann zu den Stränden am Stößensee, von dort die Havel hinunter bis in den Wannsee. Er sagt: "Ich bin jeden Tag draußen, bis es zufriert." An den Stränden wissen viele schon Bescheid: Wenn die Messingglocke bimmelt, kommt der River-Snack-Mann.

Kunden warten am Strand

Zwei Jungs wollen Würstchen, "weil die bei Alex immer total lecker sind". Die Mutter sagt: "Die Idee ist super, und die Preise sind wirklich in Ordnung." Dann klingelt das Handy, das um Käpplers Hals hängt. Ein Anruf von einer Yacht auf dem Wasser. "Nicht weinen", sagt der River-Snack-Mann, "ich lege vier Würste auf den Grill und bin gleich bei euch." Im Mai hat er überall Zettel mit seiner Handynummer verteilt, jetzt sind die Zettel alle, aber viele haben die Nummer notiert. "Ist doch praktisch, per Anruf versorgt zu werden", sagt ein Pärchen am Strand. Die Pfandflaschen holt er auf Wunsch auf dem Rückweg ab. Und sonntags bringt er Brötchen und Zeitungen zu den Yachten. Ein Mann erzählt, dass Ende der 50er-Jahre mal jemand Cola und Zeitungen von einem Ruderboot aus verkaufte. Aber danach habe es so einen Service nicht mehr gegeben. Auf einem Boot winkt ein Mann. Er gehört zur Wasserschutzzivilpolizei und will Käpplers Bootsführerschein sehen. Der steckt in der Jacke, und die Jacke hat er vergessen wie er auch schon den Senf vergaß. Das kostet zehn Euro, sagt der Polizist und Käppler nimmt sich vor, künftig Merkzettel zu schreiben.

Der 23-Jährige kommt aus Spandau und kennt die Havel, seit er denken kann. Er segelte als Kind mit dem Vater, er angelt mit Leidenschaft und hat erst kürzlich einen 18-Pfund-Karpfen aus der Havel gezogen. Mit 16 machte er den Bootsführerschein. Die Schule hat er bis zur zehnten Klasse besucht, eine Lehre wollte er nicht. Er verkaufte lieber, was sich so anbot. Stromverträge und Versicherungen, Fastfood, Bratwürste und Käse auf dem Spandauer Markt. Er sagt: "Etwas verkaufen und dabei mit Leuten quatschen, das ist mein Ding." Im vergangenen August beschloss er die Sache mit dem River Snack. Ein Jahr dauerte es, bis er alle Genehmigungen hatte. Er besuchte einen Lehrgang für Rechnungswesen. "Ich habe mir meinen eigenen Ausbildungsplatz geschaffen", sagt er.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit wird es ruhig entlang der Havel. Pärchen knutschen im Gras, eine Gruppe feiert. Sie brauchen kein Bier, sie haben genügend dabei. Am Schildhorn jagt ein Motorboot im Kreis und zieht einen Mann in einem Schlauchboot hinter sich her. Die Wasserschutzpolizisten haben längst Feierabend gemacht. Käppler hat an die 30 Würste verkauft, vielleicht 20 Bier und zwei Flaschen Prosecco. Reich geworden ist er nicht. "Aber darauf kommt es mir auch nicht an", sagt er. "Ich will so leben, wie es mir Spaß macht. Und diesen Traum habe ich mir erfüllt."

River-Snack-Telefon: 0160 9325 4034

Stand: 14.07.2005